Blättern im Fotoarchiv

Ja, so kleine Blätter fallen einem entgegen, beim Frühjahrsputz, wenn die Kartons mit den alten Papierbildern wieder mal abgestaubt werden müssen. Mit interesselosem Wohlgefallen fand ich dabei  Westberliner Fotos aus den 70er und 80er Jahren:  Der U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße mit futuristischem Dach und einer Art Container-Gastronomie.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich diese städtebauliche Idee “überdachter U-Bahn Eingang” sogar besser. Passanten bewegen sich wettergeschützt, die untere Passage bleibt trocken und nicht zuletzt bewundere ich die poppige Kulisse, so im Raumschiff-Enterprise-Look. Aber der Bezirk hat sich beschwert: die Säuberung der Dachflächen kostete Geld, wurde daher nicht gemacht. Die Tauben haben Besitz ergriffen und der Rest ist Geschichte.

Auf zum 1. Mai

Das wird heute eher sportlich verstanden, bleibt trotzdem ein Appell: “Hintern hoch!”
Am Alexanderplatz kann man noch tätig werden bei der Aktion #AnythingtoSay – auf den Stuhl steigen und Meinung sagen zu Kapitalismus, Überwachung, Pressefreiheit und so. Neben Snowden, Assange und Manning. Eine Aktion des Künstlers Davide Dormino

Unterstützt von “Reporter ohne Grenzen” mit Ströbele und Sarah Harrison. Soviel zum Abschnitt “politische Protestaktion” des Tages.

Etwas mehr Bewegung war gewünscht, also auf zum Myfest nach Kreuzberg. Einmal die Oranienstraße runter, so früh ist die Drängelei noch erträglich. Moritzplatz aussteigen, am Prinzessinnengarten ist noch nichts los.

Am Oranienplatz bemeckert die Polizei eine Straßenbemalung gegen Gentrifizierung, Carolin Emcke steht dabei beobachtet kritisch. Sonst findet Politik eher am Rande statt, so früh am Nachmittag. Ich finde noch einen Aufkleber, “Berlin gegen Nazis”, immerhin.

Dafür ist viel zu konsumieren,  Ethnofood, erste vegane Stände werden gesichtet. Wie erwartet, ist Bier, Bowle und Caipi ganz leicht zu bekommen, einen Milchkaffee sucht man eine Weile. In einem winzigen türkischen Café klappt es schließlich.

Für die Musik – live auf Bühnen und vom Pult – gilt heute das Motto: Wie langsam kann der Rythmus sein, dass es trotzdem noch als Reggae erkannt wird? An der Ecke Skalitzer Straße dann doch noch Ska und Punk mit Publikum, dessen politische Ambition sich vielleicht noch im Lauf des Tages entwickeln wird.

Weiter über die Straße. Der Görlitzer Park muss besichtigt werden. Wie schlimm ist es denn mit diesen – ähm – Händlern?  Also hier sind: viele Eltern mit Kindern, Paare, Freundesgruppen, Einzelwanderer, Ältere und – ja- einzelne Menschen, die vielleicht Flüchtlinge sind. Aber wo ist das Problem?

Nur die Ruhe im Görlitzer Park | Foto: lindalink
Nur die Ruhe im Görlitzer Park | Foto: lindalink

Leben und Wohnen in Berlin

Als ich vor nunmehr fast elf Jahren nach Berlin ziehen wollte, ging das in etwa so: Ich entschied mich dazu, kündigte meine alte Wohnung fristgerecht und hatte ab da drei Monate Spielraum. Ich las die Wohnungsanzeigen in den Zeitungen, kam am Wochenende her und sah mir die Auswahl an. Vieles gefiel mir nicht, also inserierte ich in der Zitty: Suche Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, gerne Kohle, bis 400 warm. Daraufhin wurde ich angerufen, man hätte da was, Neukölln, Wannenbad, Heizung, Balkon, renoviert, exakt 400. Ob ich mal schauen wollte? Ich wollte, musste aber ein Wochenende ausfallen lassen, konnte also erst in zehn Tagen. Das war kein Problem.

Zur Besichtigung kam ich zu spät, weil ich meine Uhr stehengeblieben war. Tatsächlich, ich trug damals eine mechanische Armbanduhr und sah nicht ständig aufs Smartphone. Doch der Weg die Weserstraße hinunter ging flott, es herrschte dort eine gähnende Leere, die mich ein wenig erschreckte. Ich erwischte die Frau von der Hausverwaltung so gerade eben noch, als sie mit dem einzigen Mitbewerber das Haus verließ. Auch das war kein Problem, ich bekam die Wohnung. Sie ist toll und liegt heute in dem In-Bezirk überhaupt. Damit hadere ich inzwischen ein wenig. Das habe ich nicht gewollt.

Heute wäre eine solche Geschichte wohl unmöglich. Wie sich das alles geändert hat, in welche Richtung und warum, das stand dieser Tage ausführlich unter dem Titel „Häuserkampf“ im Tagesspiegel.

Lesenswert! Erschreckend! Und so offensichtlich. Überall.

Es ist eine Invasion!

Auf dem Urban Spree Gelände in der Revaler Straße hat sie sich ausgebreitet, die Comicinvasion Berlin.  Auf Tischen, Stühlen, Decken, auf dem Boden, sitzend, stehend, liegend wird hier gezeichnet, geschrieben oder einfach fertig gedrucktes angepriesen und verkauft. Comics, natürlich.

comicinvasion

Schon bekannte Verlage sind da – Reprodukt kündigt eine Neuauflage von Fritz the cat an! – ebenso Independant Verlage, extra für die Comicinvasion gegründet, oder zeichnende Einzelkämpfer. Ausdrücklich auch Zeichnerinnen, um vier gibts einen Heldinnen-Workshop.  Anwesend ist hier Berlins einziger Comicladen, nach dem der §118 des Ordnungswidrigkeitsgesetzes benannt wurde, der “Grobe Unfug”. Hier bieten einige Zeichner an, Comicfiguren aus euch zu machen, gegen angemessenen Bezahlung, versteht sich. Irgendwo wird Miraculix Zaubertrank angeboten, nun, wer sich traut …

Heute ist letzte Gelegenheit, schauen, kaufen, selberzeichnen.

Randnotiz von der Weserstraße

In den letzten drei Tagen mehrfach vom Hermannplatz die Weserstraße hinuntergeradelt. Die ersten Sommertage sozusagen, wie das so ist in Berlin. Frühling, Fehlanzeige. Immer ist es gleich sommerlich.

Vom Rad aus wieder einmal gesehen, zweimal in der Dämmerung, heute dann am Nachmittag, was sich da draußen tut. Was sich da draußen inzwischen offensichtlich stündlich tut. Jede Menge Menschen, auf den Bürgersteigen, den Radwegen, auch mitten auf der Straße. Viele neue Läden, kaum noch Leerstand, future bars, wie es vor einiger Zeit noch hieß. Dazu die ersten Läden, die vergleichsweise riesig sind, die satt durchrenoviert, von Grund auf durchkonzipiert fix und fertig auf einmal so dastehen. Aus dem Nichts. Weserstraße, that’s the place to be. Da macht man jetzt eine Filiale auf. To make money, make the most. Ja, es gibt die ersten Läden, die kommunizieren ihr Anliegen nur noch in Englisch an die Laufkundschaft.

Ich bin fassungslos. Ich gebe zu: Zum ersten Mal habe ich richtig Angst. Das könnte ein schlimmer Sommer werden, besonders nachts.

Literaturlegende Berlin

Berlin und die Literatur, das ist ein Ding für sich. Als ich vor über zehn Jahren hierherkam, war ich gespannt auf die vielgerühmten Möglichkeiten, die Lesebühnen und Poetry Slams, all das. Außerdem die vielen Verlage, darunter mein Verlag, die Agenturen natürlich und all die lebenden Literaten, die man unterwegs irgendwo trifft. Toll! Und dann?

Das Ding mit der Berliner Literatur liegt schräg und bleibt schräg, von wo aus man es auch betrachtet. Wuppertal oder Neukölln, Provinz oder Weltkreativdrecksstadt Berlin, das ist ziemlich egal.

Insgesamt war ich auf keiner einzigen Slam-Veranstaltung, aber das war klar. Ich mochte das nie, diesen inszenierten Wettbewerb. Ich war aber auch nur zwei- oder dreimal als Zuhörerin bei Lesebühnen und ein einziges Mal stand ich als Gast auf der Bühne. Das war eine tolle Erfahrung, aber das war’s dann auch. Ich eigne mich nur wenig als Gagschreiberin. Punkt! So ähnlich sieht das auch Sarah Schmidt, eine Lesebühnenlegende, wie ich heute lesen durfte.

Das Schönste waren sicherlich die Bloglesungen, die es vor ein paar Jahren immer wieder Mal gab. Denen trauere ich ein wenig nach. Da war ich gerne, egal in welcher Position. Aber damit war es dann, spätestens mit der ersten Twitterlesung, auch vorbei. Schade eigentlich.

Berliner Kunst nach 1945

Vor 70 Jahren: Schon sehr bald nach Kriegsende begannen in den Berliner Westsektoren die städtischen Kunst- und Volksbildungsämter mit der Unterstützung Berliner Künstler, vor allem derjenigen, die nicht im Dienste der Nationalsozialisten gearbeitet haben. Ankauf von Bildern gehörte dazu ebenso wie die Bereitstellung von Ausstellungsräumen. In der Kommunalen Galerie Wilmersdorf wird zur Zeit eine Auswahl aus dieser erstaunlichen Sammlung des Bezirks gezeigt.

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Eckhart Gillen zeigt “Berlin am Meer” von Werner Heldt

Viele der Bilder handeln vom Wunsch nach Neuanfang, nach Farbigkeit und neuer Formensprache. Angesichts der Berliner Trümmerlandschaft sagte Werner Heldt: “Unter dem Asphaltpflaster Berlins ist überall der Sand unserer Mark. Und es war früher einmal Meeresboden.”
Gerda Rotermund zeigt in ihren Arbeiten die Leidenswege von Flüchtlingen,  Alexander Camaro präsentiert die Aufzeichnungen eines Geheimagenten. Mit Werner Laabs und Heinz Trökes werden zwei Künstler ausgestellt, die mit zu den ersten Künstlern der Galerie Rosen gehörten.
In seinem Eröffnungsvortrag beschrieb der Kunsthistoriker Eckhart Gillen auch  Auseinandersetzungen mit den Vertretern der sozialistischen Kunst und Abwerbeversuchen der “Ostzone”, die Künstler mit freien Wohnungen und Ateliers in ein Künstlerdorf locken wollte: der “kalte Krieg” machte vor der Kunst nicht halt.

Kommunale Galerie
Hohenzollerndamm 176
10713 Berlin
www.kommunalegalerie-berlin.de