Erbitterter Streit um 4 Minuten Haltezeit am Bahnhof Zoo
Linda in berichtet am 23. August 2005, 11:02 Kommentar schreiben »
Wenn der Neue Lehrter Bahnhof in Betrieb genommen wird, werden die Züge in Nord-Süd Richtung nicht mehr am Bahnhof Zoo halten. Das war allen nach der Verabschiedung des “Pilzkonzepts” von 1995 klar. Für Aufregung gesorgt hat dagegen Bahnchef Mehdorns Entscheidung vom Juni, auch Fernzüge in Ost-West-Richtung nicht mehr am Bahnhof Zoo halten zu lassen. 1,5 Millionen Fahrgäste aus den westlichen Einzugsbereichen der Bahn sollen ab Sommer 2006 bis zu 40 Minuten längere Fahrzeiten und zusätzliches Umsteigen in Kauf nehmen. Die Bahnkunden aus den westlichen Stadtbezirken seien unflexibel und haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, ließ die Bahn AG verlauten. “Fahrgastbeschimpfung” konterten die Besucher einer SPD-Veranstaltung im DGB-Haus verärgert und gaben den Vorwurf an Bahn-Vertreter Peter Debuschewitz zurück. Bisher ist Mehdorn auf Konfrontationskurs gegangen und die Fronten scheinen verhärtet.
Mehdorn beruft sich auf seine freie unternehmerische Entscheidung. 4 Minuten längere Fahrzeit können den Fahrgästen aus den mittleren und östlichen Bezirken nicht zugemutet werden, ist sein Hauptargument. Helga Frisch von der Bürgerinitiative Fernbahnhof Zoo vermutet eher, dass das Verwertungskonzept der teuren Bahnimmobilie nur aufgeht, wenn Kunden vom Bahnhof Zoo abgezogen werden.

Hella Dunger-Löper von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zeigt dagegen die Möglichkeiten auf, die der Senat hat: Dem “Pilzkonzept” hat die Bahn zugestimmt, durch das Planfeststellungsverfahren ist es nunmehr ein Gesetz und die Grundlage der Stadtentwicklung. In dem Fall, dass Mehdorn seine Entscheidung durchzieht, könnte der Senat sogar klagen. Das Berliner Bahnkonzept ist vom Grundsatz her dezentral. Die 3,5 Millionen Einwohner verteilen sich über eine große Fläche und die Siedlungsstruktur ist polyzentral, dies ist im Pilzkonzept auch beschrieben. Der Lehrter Bahnhof ist von den Stadtplanern entwickelt als Kreuzungsbahnhof, nicht als Hauptbahnhof. Mehdorns Änderungen sind nicht mit dem Senat abgestimmt.
Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg (VBB) versuchte, die Wogen ein wenig zu glätten. Wozu macht man denn öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)? Um Kunden zu gewinnen, und dazu muss man sie da abholen, wo sie sind. Berlin ist eine Traumstadt für ÖPNV Anbieter: in keiner deutschen Stadt gibt es weniger Autos pro Einwohner. Er würde nicht unterstellen, dass man dieselben Kundenmengen einfach umleiten kann, wenn man den Nutzen senkt. Mit anderen Worten: wenn man die Leute zu sehr verärgert, fahren sie mit dem Auto oder Flugzeug. Christfried Tschepe von der Fahrgastvereinigung IGEB ist denn auch erschüttert, dass die Bahn, für die sich sein Verband so sehr einsetzt, immer wieder kundenfeindlich agiert. Christian Wiesenhütter, Vertreter der Geschäftsleute von der IHK Berlin bezweifelt, dass angesichts der erwarteten Menschenmassen zur Fußball WM eine Abkoppelung des Fernbahnhofs Zoo überhaupt möglich sein wird. Die Verkehrsanbindung des Lehrter Bahnhofs ist planerisch noch nicht bewältigt.
Petra Merkel, die Bundestagsabgeordnete der SPD zieht das Fazit der Diskussion: Unstrittig sind die Strecken in Nord-Süd-Richtung. Unverständlich ist aber, warum ausgerechnet am Bahnhof Zoo mit seiner Verkehrsanbindung, den Hotels, seinen vielen Arbeitsplätzen und Einkaufsmöglichkeiten kein ICE mehr halten soll. Viele Berliner – und auch westdeutsche – Bahnkunden halten das für nicht akzeptabel. Herr Debuschewitz nimmt zur Kenntnis, dass die Charlotttenburger nicht gegen den Hauptbahnhof sind, es geht nur um die IC-Haltestelle Zoo und verspricht, das Pilzkonzept noch einmal in den “oberen Etagen” der Bahn erläutern zu lassen.
Es ist Wahlkampf. Am Freitag haben die Grünen versprochen, die Konfrontation mit Bahnchef Mehdorn zu suchen. Heute ließ der FDP Kandidat in der Morgenpost erklären, dass seine Partei die Abkoppelung des Zoos vom Fernbahnnetz nicht hinnehmen will. Mal abwarten, wer am längeren Hebel sitzt, wir haben hier schon viele Bahnchefs kommen und gehen sehen!